12 Januar 2020

Hinrichtungen in Venedig

Wegen ihrem besonderen Flair zählt Venedig zu den romantischsten Städten der Welt. Umso schwerer fällt die Vorstellung, dass hier in der Vergangenheit grausame Hinrichtungen an der Tagesordnung waren.

Wie das Ganze aussah und wo man sich noch heute auf interessante Spurensuche begeben kann, erfahrt ihr in diesem Artikel!




Sanft schaukeln die Gondeln in der Nähe der sogenannten Piazzetta auf dem Wasser. Gemeint ist der etwas abgesetzte Teil des Markusplatzes, welcher sich zwischen dem Dogenpalast und der Nationalbibliothek befindet. Wo heute kleine und große Kinder vergnügt hinter Tauben herlaufen und hungrige Möwen ihre Kreise ziehen, wurden damals etliche Menschen exekutiert.


Die sogenannten Blutsäulen des Dogenpalastes
Betrachtet man den Dogenpalast von der Platzseite aus, so entdeckt man eine Besonderheit: Die neunte und zehnte Säule der ersten Etage haben eine rötliche Färbung. Zwischen diesen beiden Kolonnen wurden in der Vergangenheit die Todesurteile verkündet. Noch heute nennt man sie deshalb auch Blutsäulen.

Wurde ein solches Urteil ausgesprochen, so war das Schicksal des Beschuldigten bereits besiegelt. Die einzige Möglichkeit, der Todesstrafe zu entkommen, war eine unmöglich zu bewältigende Aufgabe am ältesten Teil des Dogenpalastes. 



Hier, an der am Wasser gelegenen Gebäudeseite, befinden sich mehrere massive Kolonnen. Die vierte von links hat einen breiteren Umfang, als die anderen Säulen. Dies ist auf den ersten Blick kaum erkennbar und fällt erst auf, wenn man die Abstände der Säule zum Rand der darunter liegenden Anhöhe miteinander vergleicht (siehe Foto). Zur damaligen Zeit herrschte in diesem Bereich regelmäßig Acqua alta, sodass die Kolonnen meist von Wasser umspült waren.


Links und rechts deutlich schmalerer Rand,...

... als bei den übrigen Säulen
Um ihr Leben zu retten, mussten die Verurteilten die Säule mit auf dem Rücken verschränkten Armen umrunden, ohne dabei ins Wasser zu fallen. Den Rand der schmalen Anhöhe sah der Verurteilte aufgrund des Hochwassers nicht. Gewährt wurde nur ein Versuch. 



Das Ganze klingt simpel, ist aber nicht zu schaffen. Selbst ohne Hochwasser gelingt es niemandem, die Säule auf diese Art und Weise zu umkreisen, ohne dabei von der Anhöhe zu stolpern. Probiert es ruhig aus. ;)

San Marco
San Todaro
Im Anschluss wurde sodann das Todesurteil vollstreckt. Die Hinrichtungen, bei denen die Verurteilten meist geköpft, gehängt oder gevierteilt wurden, fanden zwischen den beiden riesigen Säulen der Piazzetta statt. Diese werden von den beiden Schutzpatronen der Stadt bewacht: Dem Markuslöwen und San Todaro.


Der Torre dell´Orologio
Der Verurteilte wurde mit dem Rücken zur Lagune und dem Gesicht zum Uhrenturm (Torre dell´Orologio) zwischen die beiden Säulen gestellt. Das Letzte was er sah, war mithin der Zeitpunkt seines Todes. 

Hieraus haben sich übrigens einige venezianische Redensarten entwickelt, die auch heute noch geläufig sind. So sagt man zum Beispiel "Te fasso vedar mi, che ora che xe", wenn man jemandem droht. Dies bedeutet übersetzt soviel wie: Ich zeig dir gleich, wieviel Uhr es ist! Befindet man sich hingegen in einer ausweglosen Lage, nennen die Venezianer diesen Zustand "Essere tra Marco e Todaro" - Man  steht demnach zwischen Marco und Todaro.


Der Hinrichtungsbereich

Es war im Übrigen keine Seltenheit, dass die Exekutierten mehrere Tage an Ort und Stelle ausgestellt wurden, damit jeder sie sehen, und sich an ihrem Schicksal ergötzen konnte. 

Bis heute laufen die Venezianer nicht durch die beiden Säulen der Piazzetta hindurch, sondern lieber außen herum: Sie sind abergläubisch und wollen das Unglück nicht heraufbeschwören.


Das könnte dich auch interessieren!



Keine Kommentare:

Kommentar posten

Hat der Artikel dir gefallen? Schreib mir gern etwas dazu!