Mittwoch, 5. September 2018

San Michele - Die Friedhofsinsel von Venedig

Ein Friedhof mitten im Wasser, auf einer eigenen Insel? Ja, das gibt es tatsächlich! Und zwar in der Lagune von Venedig. Unzählige alte Gräber und versteckte Pfade verleihen San Michele ein ganz besonderes Flair.

In diesem Artikel nehme ich euch mit und zeige euch ein paar Eindrücke der stillen Insel.



In meinem Kurzartikel über San Michele habe ich bereits beschrieben, welch unglaubliche Faszination  schon von weitem von der Friedhofsinsel ausgeht: 

Eingeschlossen von rostroten Mauern liegt das geheimnisvolle Eiland mitten in der Lagune, nur einen Katzensprung von Venedig entfernt. Eine Bronzestatue des Totenfährmanns Charon (Tod in Venedig, Thomas Mann) weist den Lebenden unmittelbar vor der Insel den Weg zu den Toten. Und der beträgt mit dem Vaporetto gerade mal 5 Minuten (Linie 4.1, ab der Haltestelle Fondamente Nove).




Das gesamte Areal steht unter Denkmalschutz und ist einzigartig. Außer 11 Franziskanermönchen lebt niemand auf San Michele

Der Begriff "Toteninsel" mag im ersten Moment unheimlich klingen, doch die Atmosphäre auf dem Friedhof ist nicht gruselig oder beklemmend. Im Gegenteil: Abseits der trubeligen Touristenstadt kann man in dieser grünen Oase ein paar Stunden Ruhe tanken. Besonders im warmen Sonnenlicht entfaltet die gepflegte Anlage ihre Schönheit. Alles wirkt friedlich und mystisch zugleich.


Damit dies so bleibt, unterliegt die etwa 17,6 ha große Insel strengen Verhaltensregeln. So ist zum Beispiel das Rauchen und das Tragen zu knapper Kleidung auf San Michele untersagt. Auch Hunde dürfen nicht mitgeführt werden. Am schwersten wiegt jedoch das Fotoverbot, denn viele der uralten Gräber und Gruften sind unbeschreiblich schön!


Umso mehr freue ich mich darüber, dass ich für meinen Blog eine Ausnahmegenehmigung erhalten habe! So durfte ich zumindest die berühmten Gräber an einem sonnigen Tag im April mit meiner Kamera festhalten. 

Bewaffnet mit einem Lageplan ging es also für die nächsten 2,5 Stunden auf die Suche. Und das war gar nicht so einfach, denn der Plan gleicht eher eine Skizze mit ungefähren Standpunkten. So wurde das Entdecken der bekannten Gräber zu einer kleinen Herausforderung. Vorbei an riesigen Marmorfiguren und kunstvollen Mosaiken ging es zunächst in den orthodoxen Bereich zu der Grabstätte von:



Igor Stravinsky (*1882-✝1971). 
Dieser zählte damals zu den einflussreichsten Komponisten der neuen Musik. Rechts von seinem Grab liegt die Ruhestätte seiner zweiten Frau:  

Vera de Bossett Sudekine  
(*1888-✝1982). Die russische Tänzerin mit deutsch-baltischen Wurzeln und der Komponist Igor Stravinsky heirateten im März 1940.  




Ebenfalls im orthodoxen Bereich befindet sich das Grab des Verlegers, Kunstkritikers und Ballettdirektors Sergei Diaghilev (*1872-✝1929)

Dank der vielen Ballettschuhe, die auch heute noch von Besuchern dort abgelegt werden, zieht seine Ruhestätte jede Menge Blicke auf sich. Diaghilev gründete im Jahre 1909 das Ballettensemble „Ballets Russes“ und machte seine Aufführungen auch im westlichen Ausland bekannt. Seine außergewöhnlichsten Vorführungen feierte er zusammen mit dem oben erwähnten, nur wenige Grabstellen entfernt liegenden Komponisten Igor Stravinsky.

 



 


Das ist die Ruhestätte von Teodoro Wolf Ferrari (*1878-✝1945), einem bekannten italienischen Landschaftsmaler.

Von 1912 an beteiligte er sich wiederholt mit seinen Werken an der Biennale in Venedig, die im Jahre 1895 dort gegründet wurde. Damit gilt die Biennale übrigens als weltweit älteste internationale Kunstausstellung. Sie findet alle zwei Jahre in Venedig statt. 



 

Umgeben von duftenden Zypressen ging es weiter, vorbei an unzähligen Schiebegräbern und Kolumbarien. Außer dem Gezwitscher der Vögel und dem rasselnden Schotter unter den Schuhen war weit und breit nichts zu hören. Lediglich ein paar Eidechsen huschten vorbei und beobachteten uns aufmerksam bei der Suche nach den nächsten Ruhestätten.



Das Grab von Helenio Herrera (*1910-✝1997) ist ebenfalls nicht schwer zu finden: Mehrere Schals zieren die letzte Ruhestätte des argentinisch-französischen Fußballspielers und -trainers. Seine größten Erfolge erzielte er als Trainer mit dem Verein Inter Mailand in den 1960er Jahren.






Es folgt das Grab des italienischen Dramatikers Giacinto Gallina (*1852 - ✝1897). Bereits mit 40 Jahren wurde Gallina schwer krank. Im Stadtteil San Marco befindet sich noch heute eine Gedenktafel in der Nähe seines damaligen Wohnhauses.  

Nicht weit von seiner Ruhestätte entfernt findet man das Grab von:





Riccardo Selvatico (*1849 - ✝1901). 
Nachdem dieser zunächst mit seinen Komödien und Gedichten großes Ansehen in Italien genoss,  wurde er später in der Zeit von 1890 - 1895 zum Bürgermeister von Venedig gewählt. Im Jahr 1895 gründete er mit einiger Unterstützung die Biennale und hielt in Gegenwart des Königs die Eröffnungsrede.






Auch das Grab der Familie Casal / Tramontin ist auf San Michele zu finden. Die Familie zählt zu den traditionellen Gondelbauern. Ihr erfolgreiches Geschäft geht in das 18. Jahrhundert zurück und wird heute von Roberto Tramontin weitergeführt. 







Kaum bekannt und somit auch nicht auf dem Friedhofsplan verzeichnet, ist das Grab von Sonia Kailensky (*1885 - ✝1907). Es liegt im orthodoxen Bereich und erzählt eine traurige Geschichte: 

Die russische Adlige reiste 1907 im Alter von 22 Jahren nach Venedig, um sich beim Karneval von ihrem Liebeskummer abzulenken. In ihrem Hotelzimmer in der  Nähe des Markusplatzes beging sie jedoch kurz danach mit einer Überdosis Laudanium Selbstmord. Ihre Grabstätte wurde von dem Bildhauer Enrico Butti geschaffen, der sie darauf genauso darstellte, wie sie nach ihrem Tod gefunden wurde.



Die Gräber des italienischen Komponisten Luigi Nono (*1924 - ✝1990), des amerikanischen Dichters Ezra Pound (*1885 - ✝1972), des russischen Lyrikers Joseph Brodsky (1940 - ✝1996), des musikalischen Wunderkinds Karl Filtsch (*1830 - ✝1845), sowie die Grabfigur des Phsyikers und Mathematikers Christian Doppler (*1803 - ✝1853) haben wir einfach nirgends entdecken können.


 
Die schönsten Gräber sind jedoch keinesfalls die der Berühmtheiten: Versteckt hinter tiefgrünen Zypressen liegen riesige Gruften und liebevoll gestaltete Ruhestätten. Viele von ihnen werden von eindrucksvollen Engelsstatuen und Steinfiguren bewacht. Eidechsen laufen scheu über die von Wind und Wetter gezeichneten Marmorplatten und es scheint, als würde sich die Welt an diesem Ort etwas langsamer drehen. 


In jedem Winkel der Insel gibt es verborgene Grabstätten zu entdecken und so manches Foto der Verstorbenen kann einem schon mal einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Doch es ist faszinierend: Während man an den Gräbern vorbeischlendert, malt man sich unwillkürlich das Leben der verstorbenen Personen aus. 

Zu den schönsten Teilen des Friedhofs zählen übrigens der griechisch-orthodoxe, sowie der protestantische Bereich.







Zum Schluss noch ein paar allgemeine Infos:

Der heutige Friedhof San Michele entstand im Jahre 1804. Hierfür wurde die gleichnamige Insel mit der kaum besiedelten Insel "San Cristoforo" verbunden. Die Idee hierzu hatte Napoleon. Kurzerhand ließ er den Friedhof in Form eines griechischen Kreuzes anlegen. Mit der Verwirklichung seiner Idee stellte Napoleon einen Wendepunkt im Umgang mit den Toten dar, die zum ersten Mal nicht mehr auf den Höfen der umliegenden Kirchen begraben wurden.

Die erste Beisetzung auf Venedigs neuem Zentralfriedhof fand übrigens im Jahre 1813, und somit neun Jahre nach seiner Entstehung statt.


Neben der Fläche von etwa 17,6 ha gibt es auch ein Tor, durch das die Asche der Toten auf Wunsch in die Lagune gegeben wird. Von hier aus schaut man direkt auf Venedigs Stadtteile Cannaregio und Castello. Obwohl San Michele Teil einer Pfarrei in Cannaregio ist, gehört sie geografisch zum Stadtteil Castello.

Auf der Friedhofsinsel gibt es insgesamt zwei Kirchen: Die weiße Renaissancekirche San Michele in Isola, sowie die rostrote Chiesa San Cristoforo. Letztere ist zwar kleiner und künstlerisch unbedeutender, dafür aber wunderschön! Zu ihrem Haupteingang gelangt man entlang der vielen historischen Wandgräber. Auch ein kleines Kloster aus dem Jahr 1436 ist noch auf der Insel vorhanden. In dessen Innenhof steht noch heute ein kleiner Ziehbrunnen. 

Da San Michele permant mit Platzmangel zu kämpfen hat, werden die Toten zunächst in normalen Gräbern bestattet, jedoch nach einigen Jahren wieder ausgehoben und dann in Blöcken gestapelt. 


Die Öffnungszeiten des Friedhofs sind wie folgt geregelt:

Während der Sommerzeit: 7:30 Uhr - 18:00 Uhr
Nach der Zeitumstellung auf Winterzeit: 07:30 Uhr - 16:30 Uhr.
An Weihnachten, Neujahr und an Ostern ist die Friedhofsinsel von 07:30 Uhr - 12:00 Uhr geöffnet.


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