Freitag, 3. Februar 2017

Geschafft - Jetzt sind wir Reiseleiter!

Im letzten Artikel habe ich bereits darüber geschrieben, dass jeder Reiseleiter werden kann.

Wie versprochen erfahrt ihr nun alles über das Reiseleiter-Seminar von Travel to life, das ich vom 25.01. - 29.01.2017 in Freckenhorst besucht habe!




Der erste Tag

Wo zum Teufel liegt Freckenhorst... frage ich mich, während ich über die A 43 in Richtung Münster fahre. Je näher ich dem knapp 8.000-Seelen-Ort komme, desto mehr Klinkerbauten, Wälder und Windräder ziehen an mir vorbei. 


Nach einer guten Stunde erreiche ich die Landvolkshochschule, in der ich die nächsten 5 Tage verbringen werde. Viele Fragen beschäftigen mich: Wie werden die anderen Teilnehmer sein? Werde ich das beigebrachte Wissen verinnerlichen können oder nur Bahnhof verstehen? Und mit welchem Gefühl werde ich am Sonntag nach Hause fahren? Ich bin ganz schön nervös. Als ich mein Zimmer beziehe, legt sich die Aufregung ein wenig: Es erinnert mich an die Ausflüge in die Jugendherbergen während meiner Schulzeit.

 

Kurze Zeit später stehe ich vor dem Seminarraum und trete von einem Fuß auf den anderen. Dennis Hartke, Seminarführer und Reiseleiter, begrüßt uns und schließt die Tür auf. Ich setze mich an einen freien Platz im vorderen Bereich. Nach und nach füllt sich der Raum, alle mustern sich neugierig. Als die Vorstellungsrunde beginnt wird mir klar, dass es überhaupt keinen Grund zur Aufregung gibt, denn wir sind alle aus dem selben Grund hier: Wir lieben das Reisen und wollen den tristen Alltag gegen eine bunte Welt tauschen, in der wir uns überall zuhause fühlen können. Dann bin ich an der Reihe. "Hallo, ich bin Nina! Ich komme aus dem nicht so schönen Gelsenkirchen und mein Herz schlägt für Italien..." Es geht ganz schnell und irgendwie bekomme ich es hin, mich nicht zu verhaspeln. Als ich an meine Nachbarin abgebe, atme ich dennoch erleichtert aus.

Unterbrochen von einigen Pausen, in denen wir die mitgebuchte Vollpension vollends ausnutzen, sitzen wir an diesem ersten Kurstag bis 20:30 Uhr im Seminarraum und saugen das vermittelte Wissen wie ein Schwamm auf. Wir beginnen mit einfachen Dingen wie z. B. den Unterschieden zwischen den Bezeichnungen "Reiseleiter", "Reiseführer" und "Reisebegleiter", besprechen die Aufgaben eines Reiseleiters und gehen seine Vorbereitungen für die Touren durch. Anschließend gehen wir alle gemeinsam in die Keller-Bar, um uns etwas näher kennenzulernen. Es wird ein unterhaltsamer und lustiger Abend.



Der zweite Tag
Mein Wecker klingelt um 7:00 Uhr. Im ersten Moment weiß ich überhaupt nicht, wo ich bin. Dann erinnere ich mich und plötzlich bin ich hellwach. Nach dem Duschen renne ich die zwei Etagen zum Speisesaal hinunter, wo ich mich mit einem prall gefüllten Frühstücksteller vom Buffet an die für uns reservierten Tische setze. Ich werde hier mindestens 3 Kilo zunehmen... geht es mir durch den Kopf, während ich in mein Brötchen beiße.

Um 9:00 Uhr beginnt das Seminar mit Methoden und Zielen der Wissensvermittlung. Die Zeit rennt und ehe ich mich versehe, esse ich schon wieder. Diesmal Kuchen und Kekse. Danach besprechen wir, wie man einen Rucksack für die Wanderung packt und wie sich Höhenmeter berechnen. Der erste Schock lässt nicht lange auf sich warten: Wir sollen eine Begrüßungsrede vorbereiten und diese vor allen Teilnehmern vortragen! Hierfür rücken wir die Stühle so zurecht, dass es einem Reisebus ähnelt. Anschließend hofft jeder, nicht der nächste sein zu müssen, der nun vor der gesamten Gruppe seine Rede mit einem Edding als Mikrofon vortragen muss. Irgendwann trifft es mich. 

Als ich meinen Namen höre, schreit die Stimme in meinem Kopf laut "Scheiße!". Anstatt der empfohlenen 3-4 Minuten bringe ich es auf sagenhafte 55 Sekunden und bin froh, als ich es hinter mir habe. Das positive Feedback der anderen Seminarteilnehmern kommt mir vor wie ein schlechter Scherz. "Die wollen dich auf den Arm nehmen!" flüstert die Stimme in meinem Kopf und ich befehle ihr auf der Stelle, den Rand zu halten. "Gar nicht so schlecht!" flüstert die nächste Stimme. Ich werde hier noch wahnsinnig...

Nachdem wir wieder mal etwas gegessen haben, geht es nun über zum Reiserecht. Wie ist eine Reiseausschreibung aufgebaut? Was muss zwingend hinein und was bedeutet das für den Reiseleiter? Wir erfahren außerdem, welche Rechte und Pflichten Reisegast und Reiseleiter haben und lachen über die Anekdoten aus Dennis´ Gruppenreisen. Um 18:00 Uhr ist Feierabend und wir gehen - wohin auch sonst - zum Essen. Hiernach laufen wir gemeinsam zum Ortskern und kehren in eine alte Spelunke ein. Gemütlich verbringen wir die nächsten Stunden dort und ich lausche gespannt den vielen Geschichten der anderen Teilnehmer. Es ist wirklich faszinierend, wie schnell eine Gruppe zusammenwachsen kann!


Der dritte Tag
Heute geht es um Konfliktmanagement. Es wird Rollenspiele und lautes Geschrei im sonst so friedlich klingenden Seminarraum "Teichblick" geben. Lieber Gott... bete ich und hoffe, dass ich nicht drankomme! Seminarleiter Dennis grinst in unsere entsetzten Gesichter und versucht, uns zu beruhigen: "95 % der Arbeit bringen Freude und Spaß mit sich!" Nur für den Fall der verbleibenden 5 % sollen wir sicherheitshalber gewappnet sein.

Zwischendurch gibt es immer wieder Essenspausen. Mit Plätzchen und Kuchen versuchen wir nun, den Schock der Rollenspiele zu verarbeiten. Im weiteren Verlauf des Seminares lernen wir die unterschiedlichen Charaktere von Reisegästen kennen, spielen verschiedene Situationen durch und bekommen ein wenig Nachhilfe in Rhetorik.

Am Ende des Seminares folgt die große Herausforderung: Wir erhalten unsere Aufgabe für den nächsten Tag, die darüber entscheiden wird, ob wir das heiß begehrte Zertifikat erhalten. Die Aufgabe ist umfangreich, muss gut geplant und durchstrukturiert werden. Sie beinhaltet unter anderem einen Vortrag und ich möchte auf der Stelle anfangen zu heulen. Bis zwei Uhr nachts sitze ich an den Vorbereitungen für mein Thema, damit am nächsten Tag bloß nichts schief läuft! Um 3:00 Uhr nachts bin ich noch immer damit beschäftigt, alle möglichen Katastrophenfälle im Kopf durchzuspielen anstatt zu schlafen.


Was, wenn ich die Karte falsch herum halte?? Was ist, wenn ich einen Blackout bekomme?? Was ist, wenn ich unterwegs stolpere und mit dem Gesicht im Matsch lande?? Ich muss über mich selbst lachen.



Der vierte Tag
Strahlender Sonnenschein erwartet uns. Unsere Wanderung beginnt um 8:15 Uhr und führt in die knapp 7 Km entfernte Nachbarstadt Warendorf und wieder zurück zur LVHS. 

Klingt im ersten Moment nicht unbedingt schwierig. Die Tour wird jedoch bis 17:30 Uhr andauern und alle 17 Teilnehmer dazu bringen, über ihren Schatten zu springen und sich souverän vor der Gruppe zu präsentieren. Hier sind nicht nur Zeit und Selbstmanagement gefragt sondern auch Führungsverantwortung und Selbstsicherheit. Das kann ja was werden... Unterwegs lernen wir viele interessante Hintergründe zu den umliegenden Gebäuden und Ortschaften kennen, besichtigen Kirchen und lernen alle paar Meter etwas dazu. Unterwegs kehren wir in einem Café ein und nutzen die Mittagspause, um unsere Schmierzettel noch einmal zu verinnerlichen.

Es ist etwa 17:10 Uhr, als ich an der Reihe bin und die Gruppe das letzte Stück zurück zur Landvolkshochschule durch den Wald führe. Mit hoch rotem Kopf trage ich meinen Vortrag vor und bemühe mich, meine zitternde Stimme in den Griff zu kriegen. Irgendwann habe ich es geschafft und möchte vor Erleichterung laut schreien. 

Insgesamt neun Stunden sind vergangen, als wir die LVHS wieder erreichen. In dieser Zeit haben wir tatsächlich 18,7 Kilometer zurückgelegt! Alle sind erschöpft und glücklich zugleich, denn kurze Zeit später werden die ersehnten Reiseleiterzertifikate gefolgt von O-Saft und Sekt verteilt. Ungläubig starre ich auf das Blatt Papier in meinen Händen. Hiermit könnte ich mich jetzt bei Reiseveranstaltern bewerben... geht es mir durch den Kopf und gedanklich sehe ich mich schon mit einer Gruppe durch Bella Italia trotten.

Unseren Erfolg feiern wir anschließend gemeinsam in der Kellerbar. Die vorherige Anspannung ist auf einen Schlag verflogen. Es wird wieder 01:30 Uhr, ehe ich auf mein Zimmer gehe und schlafe wie ein Stein.



Der fünfte Tag

Der letzte Tag des Seminars ist angebrochen. Ich kann gar nicht glauben, wie schnell die Zeit in Freckenhorst vergangen ist. Müde schleppe ich mich zum Frühstück und anschließend zum Unterricht. Heute erhalten wir interessante Infos, Daten und Fakten zum Leben eines Reiseleiters. Was muss man steuerlich beachten, wie überbrückt man die Monate außerhalb der Reisesaison und was verdient man als Reiseleiter überhaupt?

Als wir um 12:00 Uhr beim Mittagessen sitzen, macht sich Wehmut breit. Wir sind als Gruppe in den kurzen Tagen so zusammengewachsen, dass es nun keiner so richtig eilig hat, nach Hause zu fahren. Eine Stunde später liegen wir uns alle in den Armen und freuen uns auf unsere eigene WhatsApp-Gruppe, über die wir Kontakt zueinander halten können. Dennis überreicht mir Unterlagen für eine Reise zu den liparischen Inseln. "Kannst dir ja mal anschauen, ob das was für dich wäre!". Geistesabwesend greife ich nach den Unterlagen und weiß nicht, was ich sagen soll.

Anstatt direkt nach Hause zu fahren, drehen ein paar von uns noch eine Runde durch den anliegenden Wald. Als ich wenig später zum Auto laufe, entdecke ich eine Visitenkarte: "Travel & Personality, Dennis Hartke". Ich muss lachen, stecke die Karte ein und fahre los. Die Sonne scheint, ich blinzle ihr entgegen und schaue dem Segelflugzeug hinterher, dass über die Autobahn hinweg fliegt. Was mache ich nun?, frage ich mich und bemerke erst in diesem Moment so richtig, was mir nun eigentlich für Chancen offen stehen. Ich muss mich beherrschen, vor lauter Euphorie nicht gleich loszuheulen und spüre mein Herz schneller schlagen. Es ist unglaublich, wie fünf Tage ein Leben verändern können!


Ein herzliches Dankeschön an euch alle! Es hat unglaublich viel Spaß gemacht! 

Ganz besonders möchte ich mich bei Jürgen bedanken, der mir die Wanderkarte auch beim 100. Mal noch seelenruhig und lächelnd erklärt hat! :) Ebenfalls freue ich mich sehr, Nathalie von Nathalieontour.ch kennengelernt zu haben, wir haben so viele Gemeinsamkeiten! Caro, Barbara, Carla und Silke - Ihr habt mich mit eurer herzlichen Art so oft zum Lachen gebracht, vielen Dank! Last but not least natürlich ein riesiges Dankeschön an unseren Seminarleiter Dennis Hartke: Danke für die lehrreichen und amüsanten Tage, die Geduld hinsichtlich unserer manchmal nicht enden wollenden Fragen und das positive Feedback! 





Kommentare:

  1. Voll schön - danke Dir und danke für den Link :-) you rock!

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  2. Heike Müller 14. Februar 201714. Februar 2017 um 20:28

    Voll toll zu lesen liebe Nina.Es war richtig spannend ,deinen Erzählungen von Tag zu Tag zu folgen ;)

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