Sonntag, 25. November 2018

Die Geschichte vom alten Mann und dem Stein

Die Tage werden kürzer, auf den Straßen raschelt überall buntes Laub und die ersten Lichterketten schmücken die Fenster. Zu dieser Jahreszeit macht auch das Lesen besonders viel Spaß.

Schnappt euch eine Decke und macht es euch mit einem Cappuccino gemütlich - Es geht nach Sardinien!




Es war einmal ein porphyrroter Kieselstein. Wie unzählige andere seiner Art verweilte auch er schon etliche Jahre am Spiaggia Marina, einem Strand im Osten Sardiniens, nicht weit von Torre di Bari entfernt. Hier, ganz in der Nähe eines belebten Campingplatzes, hat der Stein im Laufe der Jahre schon vieles gesehen: Kinder, die mit bunten Wasserschuhen vergnügt an der Küste herumtollten und mit ihren Eltern Sandburgen bauten. Hunde, die freudig am Wasser entlang liefen und mit ihren Besitzern Stöckchen fangen spielten. Scheue Eidechsen und neugierige Möwen, die den Strand und die Papierkörbe nach übrig gebliebenen Leckerbissen absuchten. 

Je nach Jahreszeit glitzerte das Meer smaragdfarben und glasklar unter dem wolkenlosen Himmel und schwappte in kleinen, friedlichen Wellen über den Stein hinweg. An anderen Tagen aber war es stürmisch und schwarz wie die Nacht und zog den Stein tosend mit in die salzige Tiefe, ehe es sich wieder beruhigte und ihn zurück an den Strand spülte.

So vergingen die Jahre und der Stein trotzte im Wechsel den teils eiskalten, und teils unerträglich heißen Temperaturen. Er wusste längst nicht mehr, wie viele Jahrzehnte vergangen waren, seit er an diesem Kiesstrand lag.


An einem kühlen Abend im Mai schaute der Stein wieder einmal über die stille See hinweg in die weite Ferne. Noch ein paar Minuten und die Sonne würde den Himmel in ein kräftiges Orangerot tauchen. Was mochte wohl hinter dem endlosen Horizont sein? Schon etliche Male hatte der Stein sich diese Frage gestellt. Während er noch seinen Gedanken nachhing, näherte sich ihm ein alter Mann. Dieser war erst seit ein paar Tagen zu Besuch auf der Insel und grübelte an diesem Abend ebenfalls nach. Knapp einen Monat war es nun her, dass der Mann seinen Arbeitsalltag hinter sich gelassen hatte und sich nun zähneknirschend an sein neues Leben als Rentner gewöhnte. Gedankenverloren blickte er ebenfalls über das weite Meer und dachte über seine Zukunft nach. Was für ein schönes Stück Erde... Hier müsste man sich niederlassen und ein kleines Hotel oder eine Pizzeria eröffnen. 


Während der Mann sich umschaute, fiel sein Blick auf den roten Stein. Er ging in die Hocke und hob ihn auf. Nachdenklich betrachtete er ihn. "Du hast es gut", murmelte er. "Du kannst den ganzen Tag hier am Meer liegen und das Paradies genießen." Doch der Stein widersprach: "Ich liege schon so viele Jahre an diesem Strand, dass ich seine Schönheit kaum noch zu schätzen weiß." Der alte Mann runzelte die Stirn. "Ich würde so gerne mal etwas anderes sehen", fuhr der Stein fort. "Kannst du mich nicht für eine Weile mitnehmen?"


Da der alte Mann gutmütig war, überlegte er nicht lange und nickte. Gerade wollte er den Stein in seine Jackentasche stecken, als dieser sich bedankte. "Du sollst wissen, dass all diese Steine hier Glückssteine sind. Wenn du mich irgendwann wieder hierher zurückbringst, so wirst du als Dankeschön 100 Jahre Glück haben!" Der Mann dachte kurz nach. "Und wie verhält es sich, wenn ich dich an jemanden verschenke?", fragte er. Der Stein wusste, worauf der Mann hinauswollte. "Das Glück geht auf denjenigen über, der mich hierher zurückbringt." Der Mann lächelte zufrieden und lief mit dem Stein in der Tasche zu seinem Motorrad zurück, das er einige Meter entfernt an der Straße abgestellt hatte. 


Etwa einen Monat später verabredete er sich mit einer guten Freundin. Sie setzten sich in ein Café und der alte Mann berichtete von seinem Urlaub. Während er langsam in seinem Milchkaffee rührte, erzählte er ihr schließlich auch von dem seltsamen Erlebnis an dem kleinen Strand. Er zog den roten Kiesel aus seiner Tasche. "Ich schenke ihn dir. Wenn du den Stein zurückbringst, so wirst du 100 Jahre Glück haben!", flüsterte er und legte den Kiesel behutsam in ihre Hände. Gerührt von der schönen Geschichte und erfreut über das besondere Geschenk in einer Welt voller Massenkonsum umschloss die Frau den Stein. "Ich werde ihn dorthin zurückbringen!", versprach sie. 


Gute 1 1/2 Jahre später machte sie ihr Versprechen schließlich wahr. Neben ihren Habseligkeiten für den bevorstehenden Urlaub hatte die Frau auch den roten Kiesel in ihrem Koffer verstaut. An einem etwas bewölkten Septemberabend fuhr sie die Ostküste der Insel entlang. Trotz der Wegbeschreibung des alten Mannes musste sie erst einige Pfade ausprobieren, ehe sie den besagten Strand fand. Als sie kurze Zeit später über die vielen knirschenden Kieselsteine lief, war sie überwältigt. Kein Wunder, dass der alte Mann von diesem Ort so geschwärmt hatte. Steine in allen Farben und Formen lagen um sie herum, so weit das Auge reichte. 


Die Frau legte den Stein zurück und verabschiedete sich von ihm. Bevor sie sich auf den Rückweg machte, setzte sie sich noch eine Weile an den Strand und dachte nach. Was würde ihr die Zukunft mit 100 Jahren Glück nun wohl alles bringen? Sie hoffte auf Gesundheit für sich und ihre Familie. Und natürlich für den alten Mann, der den Wunschstein an sie weiterverschenkt hatte, statt ihn selbst zu behalten. Kurzentschlossen blickte sie zu ihrer rechten hinab und hob einen kleinen rötlichen, mit hellen Linien durchzogenen Stein auf. Sie stellte sich das verdutzte Gesicht des alten Mannes vor und musste unvermittelt schmunzeln. Dann stand sie auf, verstaute den Stein in ihrer Tasche und machte sich auf den Weg nach Hause. 



Ein herzliches Dankeschön an den alten Mann, der mich mit diesem Geschenk zu der Geschichte inspiriert hat. ❤

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